
Dr. Joachim Lorenz
Geschäftsstelle
Deutsch-Japanische Gesellschaft am Niederrhein e.V.
Geschäftsstelle:
Graf-Adolf-Str. 49
40210 Düsseldorf
Tel.: 0211/474 72 42
Fax: 0211/474 72 41
Die Deutsch-Japanische Gesellschaft am Niederrhein
Interview mit Dr. Joachim Lorenz (Präsident der DJG am Niederrhein)
Herr Dr. Lorenz, Sie sind seit 3. März 2008 Präsident der DJG am Niederrhein. Welche Verbindungen zu Japan haben Sie? Welche Erfahrungen und Kontakte aus Ihrer beruflichen Laufbahn sind Ihrer Ansicht nach für Ihre neue Aufgabe besonders hilfreich?
Dr. Lorenz: Meine Kontakte zu Japan sind in meiner beruflichen Vergangenheit begründet, wozu sich privates Interesse hinzugesellte. Von 1986 bis 1991 war ich der Delegierte der damaligen Thyssen AG und Chef des Büros des Delegate Office der Thyssen AG in Japan. Das Interesse daran, diese Stelle zu übernehmen, hatte sich bei mir durchaus schon in Deutschland entwickelt, da seit einiger Zeit - initiiert durch den früheren Vorstandsvorsitzenden Herrn Dr. Sohl - ein reger Kontakt mit der japanischen Stahlindustrie gepflegt wurde. Auf dieser Basis begann ich meine Arbeit in Tôkyô in einem Umfeld, das mir vertraut war und - obwohl ich mich nicht in ein gemachtes Bett legen konnte - auch durch meine Vorgänger bereits entsprechend vorbereitet worden war. Meine Aufgaben lagen hauptsächlich darin, die bereits bestehenden guten Kontakte zur japanischen Stahlindustrie zu halten und darüber hinaus zu versuchen, Verbindungen zur japanischen Automobilindustrie zu knüpfen, die damals anfing, ihre Produktionseinheiten weltweit zu etablieren.
Um diese Beziehungen über fünf Jahre intensiv zu pflegen, muss man sich schon gut in das japanische Denken einarbeiten. Dabei bin ich stets auf große Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft gestoßen. Dazu kam, dass man sich zwangsläufig, wenn man erfolgreich sein will, auch um die Kultur eines Landes kümmert. Als ich nach Deutschland zurückkehrte, hatte ich das große Glück, für Thyssen weiterhin mit Asien zu tun zu haben, zuerst mit Vietnam, später mit China. Auch dabei kam mir sehr zugute, was ich in Japan gelernt hatte; denn meine dortigen Erfahrungen halfen mir, Asiaten unabhängig von nationalen Unterschieden insgesamt besser zu verstehen. Und immer wieder habe ich von Japanern auch dann, wenn wir beispielsweise wirtschaftliche Konkurrenten waren, im freundschaftliche Umgang nützliche Hinweise erhalten.
Während meiner Zeit in Japan habe ich viel über japanische Kultur erfahren. Zwar reichten meine Sprachkenntnisse nicht aus, komplizierte Geschäftsverhandlungen auf Japanisch zu führen, doch habe ich mir im Laufe der Jahre so viel aneignen können, dass ich mir immerhin problemlos in einem traditionellen japanischen Hotel (ryokan) ein Zimmer bestellen oder mit Japanern einige persönliche Worte wechseln konnte. Nach meiner Erfahrung sind Sprachkenntnisse - und dabei auch die Kenntnis einer Reihe von Schriftzeichen - extrem wichtig, ermöglichen sie doch den direkten Zugang zur Kultur und zur Bevölkerung eines Landes.
All diese Erfahrungen und Beziehungen - nicht nur die geschäftlichen, sondern auch die sozialen Kontakte, die ich während meiner Zeit in Japan aufbauen konnte - erwiesen sich später als sehr nützlich, z.B. als ich von der TU Dresden gebeten wurde, ihr bei der Suche nach einer japanischen Partneruniversität behilflich zu sein. Übrigens habe ich bei der Vorbereitung des Deutschlandjahres in Japan 2005/06 auch erneut eng mit Staatssekretär Krebs zusammengearbeitet, der mir später, im Herbst 2007, als ich ihn bei einer JSPS-Tagung in Bonn wieder traf, erzählte, dass er das Amt des Präsidenten der DJG am Niederrhein übernehmen werde. Damals erklärte ich gern meine Bereitschaft, ihn zu unterstützen. Und so konnte ich mich nach seinem Tod, als die Anfrage der DJG an mich herangetragen wurde, dem Ansinnen natürlich nicht verschließen und werde gern versuchen, meine Erfahrungen und Kenntnisse einzubringen.
Jeder Präsident drückt seiner „Ära“ einen Stempel auf. Welche konkreten Ziele haben Sie, die Sie als Präsident der DJG am Niederrhein umsetzen möchten, und welche Schwerpunkte möchten Sie setzen?
Dr. Lorenz: Ich habe neun Jahre lang im Auftrag der Thyssen Krupp AG eine Beraterposition bei der Tongji-Universität in Shanghai inne gehabt. In dieser Zeit ist mir die Bedeutung von Sprache und Kultur als Bindeglied zwischen zwei Nationen noch deutlicher bewusst geworden. Kulturelle Bindungen sind von besonderem Wert und enormer Bedeutung, denn sie sind enger und dauerhafter als wirtschaftliche Beziehungen, die meist abbrechen, wenn der ökonomische Erfolg ausbleibt. Daher müssen wir zur Aufrechterhaltung guter Kontakte - besonders angesichts der großen Distanz zwischen Europa und Japan - die kulturelle Annäherung immer wieder von neuem betreiben. Dabei müssen wir uns stets erneut selber einbringen, als Stadt, als Land, als Gemeinde usw., so wie es die DJG am Niederrhein seit ihrer Gründung im Jahre 1964 getan hat.
Damals waren allerdings die Rahmenbedingungen anders als heute. Die Reise nach Japan war lang und aufwändig, die Kommunikation war schwierig, die neuen Erfahrungen enorm. Daher war das Bedürfnis sehr groß, diese Beziehungen zu manifestieren. Inzwischen ist die Situation eine ganz andere, da durch das Internet die Erreichbarkeit Japans, die Möglichkeit, sich kundig zu machen, viel größer geworden ist. Mit einem Mausklick gelangt man problemlos an Informationen aller Art. Insofern stellt sich auch die Frage, ob man auf Informationsveranstaltungen in der Form, wie sie 1964 durchgeführt wurden, heutzutage nicht verzichten kann.
Gern möchte ich im kulturellen, universitären und wirtschaftlichen Bereich dazu beitragen, Menschen zusammenzuführen und den deutsch-japanischen Austausch zu intensivieren. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie prägend es gerade für junge Leute ist, ein Land persönlich kennen zu lernen. Meine erste Auslandsreise ging zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg im Alter von 19 Jahren nach England, und dieser Aufenthalt hat mich damals tief beeindruckt. Daher ist es mein Ziel als Präsident der DJG am Niederrhein, die Kräfte zu bündeln, um zusammen mit der Stadt Düsseldorf, dem Land NRW, dem Japanischen Generalkonsulat und eventuell mit der Botschaft Angebote zu machen, die über diejenigen im Internet hinausgehen. Gern möchte ich dabei vor allem die nächsten Generationen an Japan heranführen, damit Deutsche und Japaner auch auf Dauer nicht nur die gleichen Werte teilen, sondern gemeinsame Ziele verfolgen.
Die DJG am Niederrhein hat ihre Geschäftsstelle in Düsseldorf, doch schließt der Name eine ganze Region ein, die bis nach Xanten reicht. Inwieweit sehen Sie die Möglichkeit, diesem Anspruch gerecht zu werden?
Dr. Lorenz: Dies ist in der Tat nicht so einfach und nur in kleinen Schritten möglich. So haben wir z.B. in Mülheim an der Ruhr, wo ich auch wohne, in diesem Jahr zusammen mit dem Deutsch-Japanischen Wirtschaftskreis und dem Golfclub Mülheim ein sehr schönes Sommerfest durchgeführt. Auch gibt es z.B. in Willich eine große an Japan interessierte Gemeinde. Demnächst ist ein Gesprächsaustausch mit Herrn Norimitsu von der Japanischen Industrie- und Handelskammer zu Düsseldorf, dem japanischen Generalkonsul und dem Vorstand der Stadtsparkasse Mülheim geplant, die übrigens auch das Sommerfest mit gesponsert hat. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass wir als DJG am Niederrhein organisatorisch und personell nicht so umfangreich ausgestattet sind, zumal alle Mitglieder ehrenamtlich arbeiten. Insofern ist derzeit ein Gebiet, das neben Düsseldorf auch Städte wie Mülheim, Neuss etc. umfasst, nur schwer zu bewältigen.
Auf welche Veranstaltungen und Projekte könne sich Mitglieder der DJG am Niederrhein in nächster Zeit freuen?
Dr. Lorenz: Nach einem Jahr Pause werden wir Anfang 2009 wieder das Neujahrsfest feiern, das am 27. Januar im Hotel Nikko stattfinden wird. Außerdem wird es regelmäßig einen Stammtisch für junge Leute geben. Gern würden wir erneut das Sommerfest veranstalten. Daneben sind gemeinsame Fahrten mit dem Japanischen Club vorgesehen, z.B. im Februar 2009 nach Kaiserswerth. Des weiteren wird es weiterhin die Mittagstafel mit ihren kleinen Vorträgen geben, die allerdings jeweils zeitlich begrenzt sind. Und gern möchten wir die Japaner in größerem Umfang für den Karneval in Düsseldorf begeistern und ihnen dieses Fest und seine Ursprünge als typischen Bestandteil deutschen und rheinischen Brauchtums näher bringen.
Darüber hinaus gibt es einige weitere Ideen für größere Veranstaltungen, die wir zusammen mit der Stadt Düsseldorf und dem Land Nordrhein-Westfalen realisieren wollen und die auf die kulturellen Beziehungen als besonders wichtigem Bindeglied zwischen Deutschland und Japan abzielen.
Zuletzt haben Sie zwei jungen Leuten aus Düsseldorf einen knapp zweiwöchigen Austausch mit Chiba ermöglicht. Wie kam es dazu? Welche Erfahrungen haben die beiden gemacht? Sind ähnliche Projekte auch in Zukunft geplant?
Dr. Lorenz: Die beiden jungen Männer - ein Schüler und ein Student - sind voller positiver Eindrücke von ihrem Aufenthalt in Chiba (25. August bis 15. September) zurückgekehrt und haben begeistert davon berichtet. Sie waren überrascht von der großen Gastfreundschaft, die ihnen in Japan entgegengebracht wurde. Auch dies ist übrigens ein interessantes kulturelles Thema, ist Gastfreundschaft doch in Japan selbstverständlich, in Deutschland hingegen nicht in diesem Umfang verbreitet. Ich erinnere mich noch gut daran, dass meine Kinder - sie waren, als wir nach Japan gingen, 11 bzw. 13 Jahre alt - sich dort sehr wohl gefühlt haben und nur ungern nach fünf Jahren nach Deutschland zurückgekehrt sind; bis heute sind sie Japan aufgrund der damaligen Erfahrungen eng verbunden.
Gern möchte die DJG am Niederrhein auch in Zukunft einen Austausch mit Chiba durchführen, dessen Zustandekommen sowohl dem Engagement von Herrn Hashiguchi, dem ehemaligen Hauptgeschäftsführer des Japanischen Clubs Düsseldorf, der sich nach seiner Rückkehr in die Heimat sehr intensiv eingebracht hat, als auch dem Präsidenten der Japanisch-Deutschen Gesellschaft Chiba zu verdanken ist.
Für 2009 würden wir gern erneut zwei junge Leute nach Chiba schicken. Dabei müssen wir überlegen, inwieweit wir entsprechende Sprachkenntnisse zu einem Rekrutierungsmaßstab machen. Denn erfahrungsgemäß ist ein derartiger Japanaufenthalt nur dann erfolgreich, wenn man sich bereits etwas auf Japanisch und gut auf Englisch verständigen kann. Ohne Sprache geht gar nichts, ist ein tieferes Eintauchen in die japanische Kultur nicht möglich. Daher sollten junge Leute diese Chance erhalten, die sich ihrerseits entsprechend vorbereitet haben. Wir wollen gar nicht zu sehr in den akademischen Bereich gehen, denn dafür gibt es bereits den DAAD und andere Förderungsmöglichkeiten. Stattdessen möchten wir beispielsweise engagierte Schüler nach Japan schicken, die von ihren Lehrern empfohlen wurden.
Warum lohnt es sich, Mitglied der DJG am Niederrhein zu werden?
Dr. Lorenz: Zuerst muss natürlich ein Grundinteresse an Japan vorhanden sein. Wenn dies existiert, sucht man automatisch nach Gesprächspartnern und weiteren Informationen. Und damit ist man bei der DJG am Niederrhein an der richtigen Stelle. Denn wir bieten die Möglichkeit, Gleichgesinnte zu treffen, mit Japanern und Deutschen, die über Japanerfahrung verfügen, ins Gespräch zu kommen, mehr aus erster Hand über die japanische Kultur zu erfahren und ein bereits bestehendes Netzwerk zu nutzen und auszubauen. Bei uns kann man Japan in Veranstaltungen direkt und z.T. ganz praktisch erleben - beispielsweise durch die gemeinsame Zubereitung von Sushi, aber auch durch Themen wie Manga und Anime. Dabei können wir Veranstaltungen durchführen, die ein Unternehmen so nicht leisten kann. Daher ist es mir sehr wichtig, dass die DJG am Niederrhein mit ihrem vielfältigen Angebot wieder bekannter wird und wir weitere Mitglieder gewinnen.
Vielen Dank für das Gespräch.
(Das Interview wurde am 13. November 2008 geführt.)
