Partnerschaften

Fukushima-Report Nr.4 (Herr Theisen, Coordinator for International Business, Präfektur Fukushima)

Mit dem kommenden Jahresende 2016 möchte ich gern einen ersten Zwischenstand meines bereits 16-monatigen Aufenthalts in der Präfektur Fukushima skizzieren und aus beruflicher und privater Perspektive beleuchten.

In Zahlen ausgedrückt blicke ich zurück unter anderem auf sieben Dienstreisen nach Deutschland, insgesamt sechs Messebeteiligungen in NRW und Fukushima, drei Vertragsunterzeichnungen zwischen Unternehmen aus beiden Regionen, Eröffnungen zweier neuer Einrichtungen in Fukushima sowie der Gründung einer neuen Abteilung in der Präfekturverwaltung.

Da ich bereits in meinem vorletzten Beitrag genauer auf die Messebeteiligungen und den kulturellen Austausch eingegangen bin, möchte ich dieses Mal die weiteren Sachstände erörtern.

Die erfreulichsten Ereignisse während dieses Zeitraums waren für meine Abteilung gewiss drei Vertragsabschlüsse zwischen Unternehmen aus NRW und Fukushima. Zwei davon erfolgten im Bereich der Medizintechnik.

Die erste Vertragsunterzeichnung fand zwischen dem Unternehmen KIKUCHI SEISAKUSHO CO., LTD., WALK-MATE LAB und dem Bochumer Unternehmen SNAP GmbH im Juli 2016 in Fukushima statt. Die drei Unternehmen einigten sich darauf, in Deutschland ein Joint-Venture zu gründen. Ziel des JV ist es, das in Gemeinschaft entwickelte und getestete Roboterprodukt „Walk-Mate“, das den Gang von bspw. Parkinson-Patienten stützt, zunächst auf dem deutschen und anschließend auf dem europäischen Markt zu vertreiben. Kennengelernt hatten sich die Unternehmen auf der Medical Creation Fukushima 2014. Danach wurde die Kooperation mit Forschungsprojekten beginnend stetig weiter ausgebaut.

Eine ähnliche Entwicklung durchliefen auch die Unternehmen Echo Electricity Co. Ltd., und AirMed PLUS GmbH, die ebenfalls auf der Medical Creation Fukushima Kontakt zueinander fanden und im Oktober 2016 ihre Kooperation in Shirakawa-City, in der sich die Produktionsstätte von Echo Electricity befindet, unterschrieben. Die Firma Echo Electricity hat mit Fördermitteln der Präfektur Fukushima ein neues nichtinvasives Produkt zur Untersuchung von Tränenflüssigkeit mit Untersuchungsergebnissen binnen 5 Sekunden entwickelt, das nun von AirMed PLUS weltweit vertrieben wird. Erste Aufträge z.B. aus Kanada wurden bereits abgewickelt.

Vertragsunterzeichnung zwischen KIKUCHI SEISAKUSHO CO., LTD., WALK-MATE LAB und SNAP GmbH

Vertragsunterzeichnung zwischen Echo Electricity Co. Ltd., und AirMed PLUS GmbH

Die dritte Vertragsunterzeichnung fand statt im Bereich erneuerbarer Energien zwischen FUJITAKENSETSU KOUGYOU CO., LTD und der ENTRADE Energiesysteme AG während der Energiemesse REIF 2016 in Fukushima. FUJITAKENSETSU KOUGYOU hat ein Mikro-Kraft-Wärme-System bei ENTRADE bestellt und wird gemeinsam mit der Universität Fukushima an der Entwicklung geeigneter Holzpellets forschen. Auch dieses Forschungsprojekt wird von der Präfektur Fukushima mit Fördermitteln unterstützt.

Weitere Highlights sind zwei neu eröffnete Einrichtungen in Fukushima: Das Translational Research Center, welches sich im Universitätsklinikum Fukushima befindet und auf Krebsforschung spezialisiert ist, wird primär die Erforschung und Entwicklung neuer Medikamente und Diagnosemethoden unterstüten.

Das Fukushima Medical Device Development Support Centre wurde Anfang November in Koriyama-City eröffnet. In dieser Einrichtung lassen sich sämtliche Prüfungen durchführen, die bei der Zulassung von medizintechnischen Geräten erforderlich sind, u.a. elektrische Sicherheitsprüfungen, Umwelttests, chemische Analysen, spezielle Langzeitforschungen und vieles Weitere. Darüber hinaus erfüllt das Centre auch die Funktion einer Trainings- und Consultingeinrichtung. Mehrere Seminarräume, die u.a mit Trainingsoperationsräumen über ein Video- und Netzwerksystem verbunden sind, bieten die Möglichkeit, verschiedenste Lehrveranstaltungen und Seminare durchzuführen. Unter den Trainingsoperationsräumen befindet sich auch ein Hybrid-Operationsraum, der mit modernsten Geräten ausgestattet ist. Es ist die erste Einrichtung dieser Art in Japan. Sie berät und unterstützt Unternehmen bei der Entwicklung und bis zur Fertigstellung von Medizintechnikgeräten und kann alle erforderlichen Prüfungen in einem Gebäude anbieten. Dieses Centre wird sicherlich eine Schlüsselrolle bei der weiteren Entwicklung von Fukushima als Medizintechnikstandort spielen.

Vertragsunterzeichnung zwischen FUJITAKENSETSU KOUGYOU CO., LTD und ENTRADE Energiesysteme AG

Hybrid-Operationsraum im Fukushima Medical Device Development Support Centre

Ebenfalls wurden in diesem Jahr in der Präfekturverwaltung verschiedene neue Positionen geschaffen. So entstand direkt neben meiner Abteilung die „Robot Industry Promotion Unit“, die sich der Förderung der Roboterindustrie widmet, Unterstützung bei der Entwicklung neuer Roboter bietet und aktuell ein Testzentrum speziell für Roboter plant. Außerdem habe ich drei nichtjapanische Kollegen bekommen, die im Bereich Tourismus, lokale Produkte und Erzeugnisse sowie Sport ihre Arbeit aufgenommen haben.

Diese drei Kollegen sind allerdings nicht die einzigen Personen aus dem Ausland, mit denen ich hier in Kontakt stehe - insoweit gehe ich nun zu meinen privaten Erlebnissen über.

In diesem Jahr blicke ich auf den Besuch zwölf deutscher Freunde im Jahresverlauf zurück. Je nach Saison konnte ich ihnen verschiedene Attraktionen vorstellen, beispielsweise die Aizu-Region mit traditionellen Bauten und Sake-Brauereiführungen, Matsuris (traditionelle japanische Feste) und Einkaufsmöglichkeiten in Fukushima-City, eine Pfirsichplantage in der Nachbarstadt Date-City oder auch meine direkte Nachbarschaft. Viele meiner Freunde waren zum ersten mal in Japan und haben die Möglichkeit genutzt, weitere Städte und Sehenswürdigkeiten landesweit zu besichtigen. Manche haben bereits angekündigt, bald wieder nach Japan reisen zu wollen und dann auch auf jeden Fall weitere Orte in Fukushima zu besichtigen, worüber ich mich natürlich sehr freue. Lokale Köstlichkeiten wie Gyoza, Ramen (japanische Nudelsuppe), Sosukatsudon (japanisches Schnitzel), Früchte und vor allem die Vielzahl noch nicht probierter Sakesorten waren für den Wunsch wohl ausschlaggebend.

Zu den bereits bestehenden Freundschaften aus der Heimat konnte ich viele weitere neue dazugewinnen. Besonders erwähnen möchte ich hier meine Freunde, die so wie ich, aus dem Ausland nach Fukushima gezogen sind. So verschieden wie die Herkunftsländer sind (Amerika, England, Irland, Kanada, Neuseeland, Mongolei, etc.), so verschiedenen sind auch die Beweggründe, Fukushima als neue Heimat zu wählen. Viele sind oder waren JETs (siehe erster Fukushima Report). Drei von ihnen möchte ich hier gerne kurz vorstellen. Mark lebt seit bereits 11 Jahren in Fukushima und hat inzwischen Frau und Kinder. David entschloss sich bewusst nach seiner Zeit als JET in Westjapan beim Wiederaufbau der Tohoku-Region zu helfen und zog deswegen hierher und Ody, ein Austauschstudent aus der Mongolei, hat sich nach seinem Wirtschaftsstudium ebenfalls dazu entschlossen, zu bleiben und hier seine eigene Englischschule zu gründen. Ich war und bin beeindruckt, wie viele Personen aus dem Ausland auch noch nach dem schweren Erdbeben geblieben sind oder sich bewusst danach entschieden haben, der Region beim Wiederaufbau zu helfen. Gleichermaßen pflege ich auch den Kontakt zu meinen Freunden aus der Highschool-Zeit. Auch wenn der Background ein anderer ist, sind die Motivationen ähnlich und der Zusammenhalt sehr stark.

Etwas vom Thema abweichend möchte ich noch erwähnen, dass ich erst im letzten Monat einen Gebrauchtwagen von einem meiner Freunde geschenkt bekommen habe. Ich freue mich, so im nächsten Jahr viele weitere Orte die in der Präfektur mit öffentlichen Verkehrsmitteln eher schwer zugänglich waren zu besichtigen und von diesen Erfahrungen hier berichten zu können.

An dieser Stelle wünsche ich Ihnen in Deutschland ein besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Links zum Blog meiner neuer Kollegin, die für den Tourismus zuständig ist, finden Sie hier: https://rediscoverfukushima.com/

Die offizielle Homepage vom Fukushima Medical Device Development Support Centre lautet: http://fmddsc.jp/index.html

Besuch von Freunden aus Deutschland und Sakebrauereibesichtigung in der Region Aizu

Gemütlicher Abend mit Freunden aus Fukushima